„Katholikentage sind nicht mehr das, was sie mal waren.“ Mit diesem Statement hat der Kölner Kardinal Joachim Meisner am vergangenen Mittwoch, pünktlich zum Auftakt des Katholikentages in Mannheim, von sich Reden gemacht. Im gleichen Atemzug hat er bemängelt, dass der Veranstaltung „die katholische Mitte“ fehle, „bei der man die Verbundenheit und Einheit von Papst, Bischof, Priestern und dem Volk Gottes spürt“. Meisner selbst besucht den Katholikentag in Mannheim nicht.
Grundlegende Neuorientierung
„Wie gelingt es uns, in einer säkularen Gesellschaft glaubwürdig Zeugen von Christi Botschaft zu sein – jeder einzeln wie auch in der Gemeinschaft der Kirche?“, lautet die Frage, die der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, und der Vorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück, in ihrem Willkommensschreiben an die Besucher des Katholikentages richten. „Auch in unserer Kirche spüren wir, dass wir vor grundlegenden Neuorientierungen stehen“, heißt es im Text. Und: „Noch nie waren so viele Menschen auf der Suche nach Sinn und Orientierung.“
Aufbruch – wohin?
Dass die Gastgeber mit dieser Analyse am Puls der Zeit liegen, belegen die 33 000 Dauerteilnehmer in Mannheim, die gemeinsam „Einen neuen Aufbruch wagen“ wollen. Daraus spricht auch eine ganz andere Dynamik: Wenn Meisner die „katholische Mitte“ vermisst und damit den Eindruck des „lieber unter sich bleiben Wollens“ erweckt, wird der Katholikentag von der Mehrheit seiner Besucher wohl nicht als Ereignis verstanden, das zuerst der eigenen katholischen Selbstbestätigung dient. Vielmehr stellt er die Frage, wohin das eigene Glaubenszeugnis ausstrahlen, wo es in der Gesellschaft, so wie diese beschaffen ist, ganz konkret fruchtbar werden kann.
Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler
Das machen auch die Programmpunkte auf dem Katholikentag sichtbar. Der Frage zum Beispiel, wie Glaube und Vernunft eigentlich zusammen passen, stellen sich einige interdisziplinäre Podien. Die profane Wissenschaft tritt nicht als Konkurrentin der Theologie in Erscheinung, sondern wird auch als Chance für den Glauben begriffen.
Nach Anknüpfungspunkten für religiöse Kommunikation im Tourismus sucht etwa eine Veranstaltung, die Kirchen- und Klosterbesuchen als beliebten Urlaubsaktivitäten nachspürt. Zumal Klöster und Kirchen erfahrungsgemäß eher als Sehenswürdigkeiten denn als Orte lebendigen Glaubens in Erinnerung bleiben.
Und zu missionarischen Projekten in säkularer Gesellschaft ganz generell tauschen die Teilnehmer unter dem Veranstaltungstitel „Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler“ ihre Gedanken aus. Und vielleicht ist darin ja auch schon das Motto enthalten, unter dem die Katholikentagbesucher die Kritik von Kardinal Meisner getrost an sich abprallen lassen können?
„Wenn katholisch draufsteht, muss der Inhalt entsprechend sein“
Zugleich warnt der Kölner Erzbischof vor einem Profilverlust der Kirche und vor „bloßen Strukturdebatten“, wie er sagt. „Im Haus muss drin stecken, was über der Tür steht. Wenn katholisch draufsteht, muss der Inhalt entsprechend sein.“ Das ist richtig. Die Grundlage dafür, sich den Fragen unserer Zeit als Katholiken zu stellen, ist ein reflektiertes Selbstbewusstsein aus unseren Glaubensüberzeugungen heraus.
Doch bei „bloßen Strukturdebatten“ will auf dem Katholikentag die Mehrheit schließlich nicht Halt machen. Ja, es gibt Gräben zwischen jenen, die auf Reformen drängen, auf der einen, und denjenigen, die kirchliche Traditionen verfestigen wollen, auf der anderen Seite. Was aber unter den Teilnehmern vor allem spürbar ist, ist die Fokussierung auf aktuelle gesellschaftspolitische, soziale und kulturelle Fragestellungen – und das Bemühen um eine Beantwortung ebendieser als bekennende Christen.
Keine Veranstaltung von Katholiken für Katholiken
Auch aus der Politik kommt der Appell, diesen Fragen aus den eigenen Glaubensüberzeugungen heraus nachzugehen. Und die politischen Gäste, die selbst nach Mannheim kommen, haben die entsprechenden Anliegen gleich mit im Gepäck. Angela Merkel beispielsweise nimmt an einem Podium zum demografischen Wandel teil und möchte mit den Besuchern über die Chancen und Risiken einer immer älter werdenden Gesellschaft diskutieren.
Der Katholikentag ist längst keine Veranstaltung von Katholiken für Katholiken mehr. Seine Themen sind eingebettet in die Herausforderungen unserer säkularen Gesellschaft. Es geht um den breiten Austausch unterschiedlicher Perspektiven. Und um die Erörterung möglicher Umgangsweisen. Genau dazu ist jeder Teilnehmer einzeln, wie auch in der Gemeinschaft der Kirche aufgefordert, wie es im Willkommensschreiben ausdrücklich heißt.
Vielfalt - aber keine Verwirrung
Die Diskussionen auf dem Katholikentag bringen die unterschiedlichen Meinungen, die im pluralen Gefüge katholische Kirche bestehen, im besten Fall an einen Tisch. Auf bestehende Unterschiede, liegen diese nun in Strukturfragen oder anderswo, wollen sich die Katholikentagsteilnehmer nicht reduzieren lassen. Von verschiedenen Akzentuierungen kann die Auseinandersetzung mit den Fragen unserer Zeit nur profitieren. Gleiches gilt für die Ausweitung auf andere konfessionelle und religiöse Gruppen als Gesprächspartner. Sich kopfscheu machen zu lassen, gilt hier nicht. Gerade in der offenen Suche liegt das Potential des Katholikentags.
Von der Strahlkraft des Katholikentags ist mindestens auch der Berliner Kardinal Rainer Maria Woelki überzeugt. Seines Zeichens Meisner-Zögling, ist er Teilnehmer in Mannheim – und hat beim Gottesdienst zu Christi Himmelfahrt mit 17 000 Gläubigen vor dem Mannheimer Schloss spontan neben Erzbischof Zollitsch konzelebriert.
Was er seinem geistigen Ziehvater wohl entgegnen würde? Er müsste ihn doch wohl fragen, wie bei der Vielfalt auf dem Katholikentag trotz geballter bischöflicher Präsenz die katholische Mitte fehlen könne? Was ist diese katholische Mitte und wer vermittelt sie, wenn nicht die Bischöfe? Unvermittelbar bleibt sie dann wohl so lange, wie sich Meisner mit seinem Wegbleiben selbst ins Abseits stellt.
Veronica Pohl